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Ata Macias im Gespräch
 

Ata Macias im Gespräch

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"Die Musik hat mir wirklich geholfen"

Foto: Ramon Haindl
Foto: Ramon Haindl
Derzeit läuft im Museum Angewandte Kunst die Schau "Give Love Back - Ata Macias und Partner". Wer ist der DJ, der ein Museum bespielt? Ein Gespräch über Musik, Farbpaletten und eine Kindheit im Bahnhofsviertel.
Journal Frankfurt: Wir sind in Deiner Wohnung, unter uns das Plank, die Münchner Straße, das Bahnhofsviertel - ein Viertel, das Du seit Deiner Kindheit kennst, wie Du sagst. Wie das?
Meine Mutter hat hier als Pelzkürschnerin gearbeitet, auf dem Peak dieser ganzen Branche, die damals von griechischen Kaufleuten dominiert war. Hier um die Ecke war diese wunderschöne, alte Apotheke, dadrüber ein Schneider, bei dem meine Mama arbeitete, er besaß ein riesengroßes Knopfatelier, das werde ich niemals vergessen, kleine Schubladen und alles nach Farben und Größen sortiert. Der war so schön dieser Laden, ein bisschen im alten Kolonialstil eingerichtet, mit dunklem Holz. Ich war da ja manchmal vier bis fünf Stunden am Tag, hab unter der Nähmaschine meiner Mutter gesessen und bastelte mir mein Spielzeug aus alten Knöpfen und Nähgarn. Und mittags habe ich in der Kaufhalle, die es auch schon lange nicht mehr gibt, nach der Schule meine Milch gekauft. Ach, und hier in der Münchner gab es die M-Frau.

Die M-Frau?
Ja, die hieß so. Hat spanische Lebensmittel verkauft. Man muss sagen, dass das Bahnhofsviertel auch in den 60er- und 70er-Jahren eine starke Anziehung für Ausländer hatte, weil hier die ganzen Geschäfte waren. Meine Mutter konnte als Spanierin nur dort Delikatessen aus ihrer Heimat kaufen - Dinge, die es heute im Kaufhof oder in Supermärkten gibt. Diese Erlebnisse sind so mit die ersten Erinnerungen, die ich ans Bahnhofsviertel habe. Das hat mich schon geprägt.

Aber gewohnt habt ihr nicht hier?
Zu der Zeit wohnten wir in der Wegscheidestraße, oben in einem krassen Sozialbau, das war echt hart. Dort bin ich bei meiner Mutter aufgewachsen, zehn Jahre vor meiner Geburt im Jahr 1968 war sie schon nach Deutschland gekommen. Hier hatte sie auch meinen Vater kennengelernt, ein Grieche, der als Autolackierer in Rüsselsheim arbeitete - und später mit diesem Wissen in seiner Heimat wieder etwas aufzubauen. Meine Mutter hatte keinen Bock wieder abzuhauen aus der frisch gewonnenen Freiheit - weg vom Franco-Regime in Spanien, weg vom patriarchalen Elternhaus. Ihr Kind zog sie dann alleine auf - und starb leider recht früh.

Wie alt warst Du da?
Da war ich 18. Ich hatte keinen Bekannten, keine Verwandten, nur meine Buddies und meine damalige Freundin, die Anna. Da musste ich mich durchschlagen. Gut, wenn man da so etwas wie Musik hat. Das hat mir wirklich geholfen.

War das damals schon die elektronische Musik, mit der du heute so in Verbindung gebracht wirst?
Nein, das waren, wie damals bei allen Jugendlichen, Kiss, The Police, Wham. Das waren die Sachen auf die ich abfuhr, bis ich damals von meinem Nachbarn, einem GI aus der Black Community, auch so Sachen wie Grace Jones, Midnight Star und Herbie Hancock in die Hand gedrückt bekam. Der Typ war super sortiert, der hat mich richtig infiziert. Da gab es einen Spagat zwischen Police und Kraftwerk, zwischen Kiss und Hancock.

Herbie Hancock liegt ja an der Schnittstelle zur elektronischen Musik.
Auf jeden Fall. Als von ihm 1982 Rockit erschien, flogen richtig die Fetzen. In so tollen Sendungen wie Formel 1 lief einfach gute Musik, das muss ich einfach mal festhalten. Dazu kam der ganze Underground-Bereich, die House-Szene, für die interessierte ich mich natürlich noch mehr, das fand ich noch geiler, weil es viel minimalistischer war.

Warst Du da schon als DJ unterwegs?
Nein, ich machte eine Lehre als Raumausstatter, weil ich mal Innenarchitekt werden wollte. Und ich bin ausgegangen. Nicht als Tänzer, sondern sagen wir mal als biertrinkender Zuhörer. Mich prägten damals aber DJs wie Ralf-Reiner Rygulla, später dann natürlich Sven Väth im Vogue, wo er erst Chic le Freak spielt und dann ab einer gewissen Uhrzeit auch House. Im Omen wurde endgültig zu meinem Hero, als er irgendwann den R’n’B wegließ und nur noch elektronische Musik spielte.

Du selbst hast nur wenig aufgelegt?
Ich sag mal so: Ich hatte irgendwann als Mini-DJ angefangen, arbeitete zweimal die Woche im Plattenladen Boyrecords und machte schließlich mit Jörg Henze das Delirium auf. Was Schallplatten anging, war ich wie ein Junkie. Jedes Geld, was ich hatte, gab ich für Schallplatten aus. Manche Alben hab ich nur wegen des Covers gekauft, grade diese Chicago-Sachen, die waren so geil gestaltet. Das ist auch etwas, was sich im Museum Angewandte Kunst wiederfindet - der Plattenladen.

Du hast anhand des Aussehens entschieden, ob da gute Musik drinsteckt?
Früher war eigentlich jede Produktion gut. Sie entstand ja nicht am Laptop, sondern wurde aufwendig hergestellt. Da war man immer auf der sicheren Seite. Aber anhand des Covers ließ sich der Musikstil, die Richtung erahnen, in die das gehen könnte. Und was haben wir für Geld gelassen. Stell Dir mal vor, Du würdest heute umgerechnet 50 Euro für eine Maxi-Single bezahlen? Für zwei Tracks. Haben wir damals gemacht. Insofern war die Kasse immer leer. Aber wenn man sich ein paar Jahre von Fastfood und kalten Ravioli ernährt, kann man sich das leisten.

Was wir im Museum sehen, ist die legendäre Sortierung der Schallplatten nach Farben, die man noch aus dem alten Club Michel in der City kennt. Hat das was mit dem alten Knopfladen zu tun, in dem das Garn nach Farben sortiert war?
Ja, das fand ich schon immer den absoluten Hammer diese Garnrollen. Aber abgeschaut hab ich mir das mit der Sortierung eigentlich beim Tobias Rehberger und der hat es vermutlich von unserem gemeinsamen Hausarzt, der die regenbogenfarbene Suhrkamp-Bibliothek sein eigen nennt. Die ist so super. Hm. Vielleicht hat das Garn unbewusst doch eine Rolle gespielt.

Lesen Sie im zweiten Teil des Gesprächs: Warum Ata Macias den Club Michel abgab - und wie es mit dem Plank weitergeht.

Und hier unser Artikel zur Ausstellung.
 
15. September 2014, 11.26 Uhr
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, insgesamt 14 Jahre beim Journal Frankfurt, von 2010 bis Juni 2018 als Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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