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Kultur
 

30 Jahre Mousonturm

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Die ästhetische Revolution

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Längst ist der Mousonturm in Frankfurt eine Institution. Nun wird er 30. Mit dem JOURNAL FRANKFURT hat Intendant Matthias Pees über die Geschichte und Zukunft des Künstlerhauses, über Populismus und den kooperativen Geist Frankfurts gesprochen.
JOURNAL FRANKFURT: Haben Sie Angst vor dem 30.?

Matthias Pees: Nein, gar nicht, den feiern wir ja ganz unzeremoniell mit einer großen Party. Aber ganz unabhängig vom konkreten Geburtstagsfest stellt sich natürlich die Frage: Wie geht man mit der Tradition von so einem Haus um? Dass es ein Haus wie dieses nach 30 Jahren noch gibt, ist ja eine viel größere Errungenschaft als bei anderen Kulturinstitutionen.

Wie meinen Sie das?

Der Mousonturm ist aus einer Künstlerinitiative hervorgegangen. In den späten Siebzigern hat sich nicht nur hier in Frankfurt, sondern auch in anderen Städten in Deutschland eine freie Theaterszene artikuliert. Die ist aus einem linken politischen Bewusstsein heraus entstanden und hat die traditionellen Kunstbetriebe und Institutionen abgelehnt. Es ist also ungewöhnlich, wenn eine Kunstinstitution, die aus dem Impuls der Ablehnung von Kunstinstitutionen entstanden ist, 30 wird.

Und wieso ausgerechnet die ehemalige Seifenfabrik?

Das alte Verwaltungsgebäude der Mouson-Fabrik war denkmalgeschützt, weil es sich um einen spätexpressionistischen Klinkerbau aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre handelt und es damals das erste Hochhaus der Stadt war. Weil es architektonisch viel Bedeutung hatte, blieb es stehen, verfiel aber zunehmend. In den Siebzigern wurde es dann temporär von der Künstlergruppe Omnibus von Dieter Buroch genutzt, der anschließend jahrelang darum kämpfte, hier ein Künstlerhaus eröffnen zu können. Am 29.12.1988 ging dieser Traum in Erfüllung.

Was folgte dann auf die Eröffnung?

Die 30-jährige Geschichte des Hauses ist eine Erfolgsgeschichte. Ästhetiken und Produktionsweisen haben sich verändert, eine neue Generation von Künstlern ist hier herangewachsen, hat sich hier professionalisiert und längst in mehreren Städten oder sogar international etabliert. Denken Sie an die vielen Gruppen, die hier gestartet sind: Rimini-Protokoll ist das bekannteste Beispiel. Gerade zeigen wir ihre Arbeit „DO’s and DON’Ts“, und im April bringen wir im Bockenheimer Depot gemeinsam mit dem Schauspiel erstmals seit 19 Jahren wieder eine Uraufführung von Rimini-Protokoll in Frankfurt heraus, „Chinchilla Arschloch, waswas“. Dazwischen liegt der Siegeszug für eine andere Form von Theaterverständnis, neue Arbeitsweisen, einen umgekrempelten Repräsentationsbegriff. Eine ästhetische Revolution, wenn man so will. Die längst auch in den Stadttheatern und anderen Kunstbetrieben angekommen ist.

Wenn man so mit beiden Beinen im Leben steht: Stellt das eine Gefahr dar, zu bequem zu werden?

Wo immer man anfängt, Arbeitsvorgänge zu etablieren, besteht die Gefahr, dass man sich wiederholt oder in eine Routine verfällt – das ist normal. Ich glaube aber auch umgekehrt, dass so eine Institution wie unsere, die aus Institutionskritik heraus entstanden ist und deren ganz großes Kapital die andauernde Selbstbefragung und eigene Infragestellung ist, eine größere Chance als andere hat, nicht in Routine und Bequemlichkeit zu verfallen. Das ist ein produktives Paradox. Das machen wir auch zu unserem Programm, wie letztens beim Festival „im*possible bodies#2“.

Versuchen Sie mit dem Programm auch Menschen zu erreichen, die sich nicht unbedingt von selbst für den Mousonturm interessieren?

Wir versuchen das tatsächlich in verschiedene Richtungen aufzubrechen, auch in eine bürgerliche. Zum Beispiel publizieren wir Beiträge zu unserem Programm in einer halbjährlichen Beilage in der FAZ. Wir kooperieren regelmäßig mit anderen traditionelleren Institutionen wie der Alten Oper, dem Schauspiel oder dem Hessischen Staatsballett – da steckt ein ähnlicher Gedanke dahinter. Gleichermaßen bemühen wir uns auch intensiv um Kontakt und kontinuierliche Kommunikation mit verschiedenen Communities, migrantischen oder aktivistischen, mit denen viele Künstlerinnen und Künstler am Mousonturm Projekte erarbeiten. Und wir machen mittlerweile auch sehr viele generationenübergreifende Arbeiten und Angebote.

Die Institutionen hier sind meist gut vernetzt. Empfinden Sie das als eine Besonderheit Frankfurts?

Der Geist, den die Stadt atmet, ist sehr kooperativ. Es ist eine reiche Stadt, die viele Probleme auch gut verdrängt oder verlagert hat. Nach Offenbach zum Beispiel hat man viele Probleme ausgelagert, denke ich manchmal. Von daher empfinde ich Frankfurt auch ein bisschen als eine Insel der Seeligen. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass hier so selten der Gedanke von Konkurrenz aufkommt, dass Kooperation hier wichtiger ist als Abgrenzung und Profilneurose.

Sie zeigen mit vielen anderen Kulturinstitutionen unter dem Namen „Die Vielen“ zusammen gegen Rechte und Populisten Flagge. Wieso ist das jetzt so wichtig?

Auch wenn die Lage in Frankfurt weniger dramatisch sein mag als in manchen anderen Städten in Deutschland, finde ich die Anlässe, die wir hier haben, schon schlimm und alarmierend genug. Wir merken, dass viele der emanzipatorischen Errungenschaften, die erkämpft wurden und die man für etabliert und unumkehrbar gehalten hat, eben alles andere als unumkehrbar sind. Wir wollen mit dieser proaktiven Aktion für den Erhalt und Ausbau dieser Rechte kämpfen, einer offenen, pluralen und interkulturellen Gesellschaft, in der man ein anderes Bewusstsein, ein post-nationales Bewusstsein, eine gemeinschaftliche Verantwortung und Solidarität, eine Gleichberechtigung von Minderheiten erreicht.

Wo sehen Sie die Zukunft des Mousonturms?

Wir gehörten immer zur Avantgarde – das macht es natürlich schwer zu sagen: Da will man hin. Eigentlich wollen wir da bleiben. Wir wollen hier einen Ort schaffen, an dem wir so früh wie möglich, weil so frei und offen wie möglich ästhetische und inhaltliche Experimente machen können. Eine Art Welt-Stadt-Labor sein. Aktuell heißt das zum Beispiel, dass wir erforschen wollen, wie unsere Kunstinstitutionen, die allesamt auf einem weißen, europäischen, bildungsbürgerlichen Kulturbegriff beruhen, divers werden können. Welche Rolle da die andere Hälfte der Bevölkerung spielen kann, die andere Traditionen, Backgrounds, Erwartungen hat und mittlerweile ja sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung dieser Stadt stellt. Das finde ich eine ganz entscheidende Zukunftsfrage.

>> 30 Jahre Mousonturm Geburtstagsparty, 16.3., 19 Uhr, mehr Infos unter www.mousonturm.de
11. März 2019
Tamara Marszalkowski
 
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