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Petit Boudoir: Erika Banks
 

Petit Boudoir: Erika Banks

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Let’s talk about ... feminism!

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Die gebürtige Kanadierin und Wahl-Frankfurterin Erika Banks verkauft Dessous – und ein „Lebensgefühl“. Ein Gespräch über Schönheit, Gleichberechtigung und Sex.
JOURNAL FRANKFURT: Frau Banks, darf Feminismus sexy sein?
ERIKA BANKS: Ja natürlich, Feminismus darf sexy sein!

Sie vertreiben über ihre Boutique Petit Boudoir Dessous und bezeichnen sich selbst als „Expertin für Frivoles“. Was genau meinen Sie damit?
Ich sage gern: „Ich verkaufe keine Wäsche, sondern ein Lebensgefühl.“ Die Frauen, die zu mir kommen, suchen genau das: ein Lebensgefühl. Die Sachen, die ich anbiete, sind niemals „normal“, sondern immer etwas Besonderes, und sei es bloß mit Blick auf die gute Qualität. Und sie sind komplett frivol. Auch, aber nicht ausschließlich im sexuellen Sinne. Es geht um Spaß, es geht um Schönheit. Es geht um das Gefühl, sich selbst schön zu finden. Ich nenne das die „Kultur der Erotik“. Etwas zu kultivieren und zu zelebrieren, das im Grunde gar nicht notwendig ist, aber einfach Spaß macht, macht das Leben ungemein schöner.

Und was hat das mit Feminismus zu tun?
Ich bin immer wieder schockiert, wie schlecht teilweise die Selbstwahrnehmung der Frauen ist. Viele wissen gar nicht wirklich, was ihnen selbst gefällt oder worin sie sich wohlfühlen. Die Gesellschaft gibt bestimmte Normen vor, wie man vermeintlich auszusehen hat, um bestimmte Dinge, auch Dessous, tragen zu „dürfen“. Es ist wahnsinnig frustrierend, einer Frau immer wieder erklären zu müssen, dass sie perfekt ist, so wie sie ist. Und dass sie alles tragen kann, was immer ihr gefällt. Das hat ganz viel mit Selbstermächtigung zu tun.

Nun argumentieren auch Feministinnen häufig, dass gerade Dessous zur Sexualisierung, und damit wiederum zur Unterdrückung der Frau beitragen.
Aber die Frage ist doch, wer sexualisiert diese Frauen? Die Sexualisierung kommt nicht durch schöne Wäsche oder durch die Frauen, die sie tragen. Sondern von denen, die diese Frauen in der Wäsche sehen. Eine Frau kann tragen, was immer sie will. Und das auch zeigen, wem immer sie will. Wenn wir als Frauen anderen Frauen sagen, sie dürfen sich nicht sexy kleiden, weil sie damit bei Männern bestimmte Reaktionen hervorrufen, verfestigen wir die Glaubenssätze, die jahrhundertlang zur Unterdrückung der Frauen beigetragen haben.

Sind Sie der Meinung, dass Frauen heute gleichberechtigt sind?
Nein. Es hat sich bereits viel getan und ich habe die Hoffnung, dass es sich mit den jüngeren Generationen noch weiterentwickeln wird. Unsere Gesellschaft ist fähig, die wichtigen Änderungen vorzunehmen. Aber ich bezweifle, dass ich in meinem Leben noch echte Gleichberechtigung erleben werde.

Weshalb zweifeln Sie daran?
Es erfordert ein starkes Bewusstsein, den bekannten Weg zu verlassen und einen neuen einzuschlagen. Es ist immer einfacher, so weiterzumachen, wie es eben immer gemacht wurde. Über Jahrtausende haben sich in unserer Gesellschaft Glaubenssätze verfestigt, wie eine Frau zu sein hat. Das ist nicht so einfach abzuschütteln, auch wenn wir inzwischen grundsätzlich wissen, dass solche Vorstellungen Quatsch sind. Dennoch ertappen wir uns immer wieder dabei, wie wir an solchen Vorstellungen festhalten. Sich davon zu befreien, ist ein Kraftakt der Sonderklasse.

Wie sind Sie überhaupt zu den Dessous gekommen?
Ich bin eine klassische Quereinsteigerin. Zum Thema Wäsche kam ich durch die Fotografie; ich habe Akt-Fotos von Frauen gemacht, aber in einer ungezwungenen Atmosphäre bei ihnen zuhause. Dabei ist mir aufgefallen, dass alle Frauen immer Wert daraufgelegt haben, für die Fotos schöne Dessous zu tragen. In Frankfurt gab es damals aber abseits der großen Kaufhäuser nur wenige Adressen für wirklich schöne, reizvolle Wäsche. So entstand die Idee von der Boutique Petit Boudoir.

Wir haben bereits im Vorfeld darüber gesprochen, dass Dessous auch ein Werkzeug zur sexuellen Selbstbefreiung der Frau sind. Weshalb?
Wäsche, Dessous bedeuten Macht – und Freiheit. Es obliegt allein der Frau zu entscheiden, was sie „unten drunter“ trägt und wem sie das zeigt. Man kann in einem absolut konservativen Bereich arbeiten, in dem nur Kostüme und Anzüge erlaubt sind. Aber bei der Wahl Deiner Dessous bist Du frei. Wäsche ist mit das Intimste, was es gibt. Auch deshalb sehe ich darin keine Unterdrückung, sondern eben Freiheit.

Aber auch das war nicht immer so, wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft ...
Keuschheitsgürtel und Korsette dienten wirklich der Unterdrückung der Frau. Glücklicherweise haben wir uns davon befreit. Umso wichtiger ist es, heute als Frau genau das zu tragen, was einem selbst und worin man sich selbst gefällt; ganz gleich, ob das nun französische Spitze oder bequeme Sportwäsche ist. Und unabhängig davon, was andere davon halten. Sich selbst treu zu bleiben, ist essentiell. Viele Frauen entdecken erst in meinem Geschäft, was ihnen gefällt. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was man selbst als schön empfindet, gehört zu einem gesunden Selbstbewusstsein dazu. Und auch zu Selbstachtung: Wie verhalte ich mich mir selbst gegenüber, wenn niemand hinschaut?

Lassen Sie uns noch einmal darüber sprechen, welche gesellschaftlichen Glaubenssätze in Bezug auf Frauen gelten. Vor wenigen Wochen zeigte sich Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin in einem Modemagazin in einem tief geschnittenen Blazer – ohne eine Bluse darunter. Daraufhin regte sich massive Kritik an Marin; ihr Auftreten sei unprofessionell und „schlampig“. Ein ähnlich erfolgreicher – und attraktiver – Mann müsste sich vermutlich nicht mit solch massiven Beleidigungen auseinandersetzen.
Es geht darum, eine Frau gesellschaftlich in Schach zu halten. Das erreicht man am einfachsten, indem man sie auf ihre Äußerlichkeiten reduziert und sexualisiert. Es ist sehr auffällig, dass Frauen meist mit abwertenden sexuellen Begriffen, wie „Schlampe“ oder „Nutte“, beleidigt werden. Eine Frau, die sich ihrer selbst, ihrer Attraktivität und Sexualität bewusst ist, wurde von der patriarchalen Gesellschaft schon immer als beängstigend erlebt. Ich denke, es gibt eine Ur-Angst vor der starken Frau – und vor ihrer Sexualität. Was ist es denn, was auch die heldenhaftesten Männer immer hat einknicken lassen? Die Verheißung auf Sex mit einer schönen Frau. Sex, Erotik lassen Männer schwach werden – und das macht ihnen Angst. Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren, wenn eine Frau ihr volles Potential ausleben kann. Also muss sie unterdrückt und entwertet werden. Die Aufregung um die finnische Ministerpräsidentin ist ein klassisches Beispiel dafür.

Ich höre jetzt schon Hunderte Männer schreien, dass wir gar keine Gleichberechtigung wollen, sondern vorhaben, die Männer zu unterdrücken.
Das ist Quatsch. Die Gleichberechtigung der Frau kann nur passieren, wenn die Männer mitmachen – und umgekehrt. Es geht nicht um eine Umkehrung der Machtverhältnisse. Allein das zu behaupten, zeigt ja schon, dass es noch immer ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen gibt.

Nun werden Frauen aber nicht nur durch Männer abgewertet. Ich finde es persönlich immer wieder erschreckend, wie boshaft viele Frauen zuweilen auf ihre Geschlechtsgenossinnen reagieren. Woran liegt das?
Frauen werden in unserer Gesellschaft so viele Steine in den Weg gelegt, das macht sie automatisch untereinander zu Konkurrentinnen. Mit Toleranz und Zusammenhalt könnten wir so viel erreichen. Aber wie ich bereits sagte: Es braucht eben auch die Männer, um die Steine aus dem Weg zu räumen.

Das Interview erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe (12/2020) des JOURNAL FRANKFURT.
 
23. Dezember 2020, 11.38 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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