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Jüdisches Leben in Deutschland
 

Jüdisches Leben in Deutschland

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„Wir sind mittendrin“

Foto: Harald Schöder
Foto: Harald Schöder
Die Eltern des Anwalts und Journalisten Michel Friedman überlebten die NS-Zeit dank der Rettung durch Oskar Schindler. Heute stellt er fest, dass wieder eine „Partei des Hasses“ in den deutschen Parlamenten sitzt. Ein Gastbeitrag.
Ich bin ein ganz normaler Mensch (naja, so normal wahrscheinlich auch wieder nicht, es werden sich schon genug Menschen finden, die Hinweise auf das Gegenteil haben). Ich arbeite gerne als Rechtsanwalt, als Philosoph, das Schreiben ist meine Leidenschaft; Essays, Artikel, Bücher. Ich bin beruflich Journalist und Publizist, bin ein Teil des kulturellen und wissenschaftlichen Betriebes. Ich bin Ehemann. Vater. Ich jogge für mein Leben gern, Reisen ist mein größtes Hobby. Dem Menschen zugewandte Neugier meine alltägliche Herausforderung. Ich mag das Ausrufezeichen nicht, dafür umso mehr das Fragezeichen. Ich bin ein Mann. Nicht mehr jung. Meine Eltern waren Polen, ich bin in Frankreich geboren, lebe in Deutschland.

Ach ja, und ich bin auch Jude. So einfach könnte jüdisches Leben in Deutschland sein, wenn die Akzeptanz, dass dieses Leben so ist wie das von allen anderen, nämlich die Sehnsucht nach Liebe, einem guten Job, ein paar Hobbys, die einen erfüllen, ein paar Menschen, die einen in Freundschaft begleiten, einer Leidenschaft (privat oder beruflich), die einen determiniert. Und bei dieser Gelegenheit: Man ist jüdisch. Ist aber nicht so. Immer noch nicht so. Das hat weniger mit der Selbstbestimmung der Juden und Jüdinnen, die in Deutschland leben, zu tun, als mit deren Fremdbestimmung. Wirst du als jüdisch identifiziert und markiert, verändert sich wie im Film die Perspektive, die Scheinwerfer werden hochgedreht, das Licht ist oftmals grell, der kulturelle, strukturelle Judenhass – den wir übrigens der christlichen Kirche und ihrer bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil aufrechterhaltenen Lüge, Juden hätten Jesus ermordet, zu verdanken haben –, wacht auf. Immer noch, und dies in der dritten Generation nach 1945, ist der Judenhass in Frankfurt, in Deutschland und in der Welt wachsend, enthemmt, gewaltbereit und in einzelnen Fällen tödlich. Was denken sich eigentlich Tausende und Abertausende Menschen, die nunmehr seit 30 Jahren an den Schulen, Kitas und Kindergärten der Jüdischen Gemeinde entlanggehen und beobachten, dass dort Polizisten mit Maschinengewehren rund um die Uhr stehen?

Was Juden und Jüdinnen sich denken, kann ich Ihnen sagen: Es ist ein Desaster, dass man diesen Schutz braucht. Es ist der martialische Beweis, dass alle Sonntagsreden nur Worte sind. Apropos Sonntagsreden: Was ich nicht mehr hören möchte, 45 Jahre nach der Befreiung von Hitler, ist „Normalität“ (was ist daran normal, dass jüdische Institutionen und Gebetshäuser von der Polizei bewacht werden müssen?), ist der Satz „Wehret den Anfängen“. Wir sind mittendrin. Wäre der Anfang abgewehrt worden, übrigens der nächste und übernächste auch, wären wir nicht, wo wir sind. Die dies also aussprachen und nicht genug dagegen taten, sollten einfach schweigen. Was ich nicht mehr hören möchte, ist „Nie wieder“. 75 Jahre „Nie wieder“? Der Antisemitismus steigt, die Gewaltbereitschaft glüht. Zum ersten Mal nach Adolf Hitler sitzt in allen Parlamenten der Bundesrepublik eine Partei des Hasses. Im Bundestag ist sie sogar die größte Oppositionspartei. Tabubruch! Von Millionen Menschen gewählt (Die es alle nur nicht so meinten? Die nicht wussten, was sie tun? Protestwähler? Die sich die Hände in Unschuld waschen! Und wir, die Gesellschaft, die ihre Entweichungsversuche nicht stoppt). Was ich nicht mehr hören möchte, „Wir stehen an der Seite unserer jüdischen (Mit!!!-)Bürger.“

Dann kommen sie alle, der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin oder ein Oberbürgermeister, schauen betreten zu Boden, sprechen ihr Mitgefühl gegenüber der Jüdischen Gemeinde aus, sagen, dass sie sich schämen, dass im Land der Shoah so etwas möglich ist, und – da ist es wieder – dass sie alles tun werden, damit so etwas nicht wieder passiert. Wie soll man dem trauen, wenn so oft etwas passiert, so oft versprochen wird, dass alles getan wird, dass es nicht wieder passiert und die Tatsache, dass es wieder passiert, zeigt, dass sie nicht alles getan haben? Ich sage dies alles nicht nur, weil ich Jude bin, sondern auch Bürger dieses Landes. Die Bewegungen und Parteien des Hasses bedrohen auch, aber nicht nur, jüdische Gemeinschaften in diesem Land. Der Gedanke der Hassenden ist, dass, anders als es im Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt, die Würde des Menschen antastbar ist. Sie treten demokratische Prinzipien mit Füßen, Pressefreiheit, Rule of Law. Ihre Kraft ziehen sie aus zwei Melodien: Einerseits aus Hass und Hetze, sie verstärken Stereotypisierungen, sie bauen Feindbilder gegen Frauen, Schwarze, LGBTQI, Juden und eigentlich gegen die ganze Welt auf. Andererseits indem sie lügen und die Lüge zum Kommunikationsprinzip erheben. Was ihnen nicht passt, existiert nicht. Tatsachen sind Vulkansteine, die, wenn sie ihrer Ideologie nicht entsprechen, weggesprengt werden müssen.

Eine Welt, die sich nicht auf Grundlage von Wissenschaft, Tatsachen und Fakten entwickelt, wird nach meiner Meinung untergehen. Manchmal denke ich mir, die Vergifteten à la Höcke, Kalbitz, Gauland sind eigentlich die, die schon verloren haben. Meine Mutter hatte mir beigebracht, dass der Hassende vergifteter ist als der Gehasste, weil er 24 Stunden am Tag mit seinem Hass leben muss. Das klingt klug und könnte sogar richtig sein, wenn da nicht noch ein Problem übrigbleiben würde: Die geistige und tatsächliche Brandstiftung, die zu einer Parallelspur des Alltags von Juden und Jüdinnen in der Diaspora führt. Und die unendlich vielen Kränkungen, die nicht heilen, weil irgendjemand wieder einmal eine antijüdische „Witzbombe“ geschaltet hat. Übrigens vor Corona und irgendwann nach Corona wieder, so lange an jedem Samstag in allen Ligen der Bundesliga zugeschaut wird, wenn Bananen auf schwarze Spieler geworfen werden, wenn die gegnerische Mannschaft „Judenmannschaft“ geschimpft wird, und gar nichts und wieder nichts passiert, das Spiel nicht abgebrochen, sondern fortgesetzt wird, zeigt sich auch an diesen Beispielen: der Alltag ist schwierig.

Und doch: jüdisches Leben nach der Shoah war in Deutschland noch nie so pluralistisch, so vital, so engagiert, so jung wie heute. Bei allen Angriffen (auch durch Menschen, die radikalisierte Muslime sind oder Linksextremisten) schaffen es die meisten Juden und Jüdinnen, sich immer wieder auch auf ihre vielen Identitäten zu besinnen und zu versuchen, ein gutes Leben zu leben. Und den Gedanken „Ich bin auch, aber nicht nur Jude“ für sich selbst zu verwirklichen. Innere und äußere Emanzipation. Übrigens: auch ich lebe noch hier. Natürlich gibt es Tage, an denen ich daran verzweifle. Es gibt auch Tage, an denen ich furchtbar müde bin, dass diese wunderbare Gesellschaft das Geschenk der Demokratie nicht würdigt und durch aktives Werben nicht verwirklicht. Es gibt Tage, da bin ich enttäuscht über die Gleichgültigkeit, die Empathielosigkeit, den Rückschlag.

Es gibt Tage, da bin ich wütend, weil auf offener Straße ein Kind beschimpft wird, weil es einen Davidstern trägt oder eine Kippa, und kaum jemand reagiert. Aber anders als der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, war ich, bin ich und bleibe ich der Meinung: Jüdisches Leben findet nicht mehr im Ghetto statt. Die einen tragen ein Kreuz, die anderen einen Halbmond, wir einen Davidstern. Selbstbewusst, emanzipiert. Die einen als Schmuckstück, die anderen als mehr. Wir sind deutsche Staatsbürger, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wem das nicht passt, der hat ein Problem. Nicht wir.

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 12/2020 des JOURNAL FRANKFURT erschienen.
 
22. Januar 2021, 11.47 Uhr
Michel Friedman
 
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