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Interview: Katja Kupfer über Gleichberechtigung
 

Interview: Katja Kupfer über Gleichberechtigung

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„Wir werden zu Mittäterinnen, wenn wir Po-Grabscher als ‚normal‘ abtun“

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Ob Kindererziehung, Sexismus oder veraltete Rollenbilder: Beim Thema Gleichberechtigung warten noch zahlreiche Herausforderungen. Das weiß auch Katja Kupfer, Leiterin der Pressestelle und stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der HfG in Offenbach.
Katja Kupfer ist 27 und noch im Studium, als sie schwanger wird. Eine ungeplante, aber schöne Überraschung. Für Kupfer und ihren Ehemann ist es damals selbstverständlich, das gemeinsame Kind auch gemeinsam und gleichberechtigt zu erziehen. Dazu gehört auch, dass beide Elternteile arbeiten gehen. „Meine Mutter ist in Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, mit vier Geschwistern und klaren, konservativen Rollenbildern“, erzählt die heute 50-Jährige. „Davon wollte sie sich freimachen. Als sie mich bekommen hat, hat sie mit anti-autoritären Erziehungsmodellen geliebäugelt – und natürlich sind meine Eltern beide arbeiten gegangen.“

Die Vorstellung, dass eine Frau nicht arbeiten gehen könnte, war und ist für Katja Kupfer, die heute die Pressestelle der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach leitet, absolut widersinnig. Ebenso wie der Gedanke, dass ein Paar nicht gleichberechtigt an der Kindererziehung beteiligt sein könnte. Und so war es auch nach der Trennung von dem Vater ihrer Tochter für Kupfer selbstverständlich, dass die gemeinsame Erziehung bestehen bleibt. „Ich hätte mir nie vorstellen können, eine alleinerziehende Mutter nach dem üblichen Muster zu werden oder meinen damaligen Partner zu einem reinen Wochenend-Vater zu degradieren“, sagt Kupfer. Das Paar einigt sich nach der Trennung auf ein paritätisches Wechselmodell, wichtige Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, die Erziehung läuft auf Augenhöhe.

Was bei Katja Kupfer und ihrem früheren Ehemann gut funktioniert hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch immer gerät die Gleichberechtigung meist dann ins Straucheln, wenn ein Kind unterwegs ist. Zusätzlich zu ihren Aufgaben als Pressesprecherin ist sie seit kurzem als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der HfG tätig. Mit den Seminaren, die sie dafür absolviert, kommen auch neue Erkenntnisse: „Was mich bei meinen Schulungen wirklich am meisten überrascht hat, ist die Feststellung, dass Kinder noch immer der Karrierekiller Nummer Eins sind. Paare fallen oft in alte Rollenbilder zurück, wenn sie Eltern werden, was zum einen daran liegt, dass noch immer das Bild der Rabenmutter fest in den Köpfen verankert ist, zum anderen ist es natürlich auch eine finanzielle Frage, da Männer in unserer Gesellschaft häufig noch immer mehr verdienen als Frauen. Wir sprechen daher vor allem über ein gesellschaftlich-politisches Problem.“

Als Gleichstellungsbeauftragte begleitet Katja Kupfer unter anderem Neubesetzungen von Professuren, nimmt an Vorstellungsgesprächen teil und agiert als Vertrauensperson. Sie betont, dass es nicht darum geht, jemanden „in den Senkel zu stellen“, aber ab und an müsse man den Finger in die Wunde legen, denn sonst ändere sich nichts. Sie sei immer wieder erstaunt, wie mit manchen Situationen umgegangen werde. Häufig werde dann argumentiert, früher habe es ja noch viel schlimmer um die Gleichberechtigung gestanden. Das bringe sie zum Nachdenken. Auch, was ihre eigene Rolle und Verantwortung in der Debatte betrifft. „Als 2017 die Me-too-Kampagne ins Leben gerufen wurde, standen auf einmal ungeheuer viele Geschichten im Raum – und bei manchen habe ich mich gefragt: ‚Ist das jetzt so dramatisch? Dann hätte ich doch auch schon ganz oft #Metoo sagen können“, erklärt Katja Kupfer. „Aber letztendlich habe ich im Laufe der Diskussion die Erkenntnis gewonnen, dass es wichtig ist, die Grenzen klarer zu ziehen. Wir werden zu Mittäterinnen, wenn wir Po-Grabscher als ‚normal‘ und ‚nicht so schlimm‘ abtun.“ Grundsätzlich sei ihr aber wichtig, dass die Diskussion offen, respektvoll und, so weit möglich, auch mit etwas Humor geführt werde. Gewisse Dinge müssten heute selbstverständlich sein, beispielsweise eine gerechte Sprache, die integriert und nicht ausgrenzt, es gehöre aber auch Diplomatie dazu, wenn man verhindern möchte, dass Verunsicherung um sich greift und sich dadurch
Fronten verhärten. „Es gibt Handlungsbedarf, aber wir müssen miteinander sprechen.“
_______________________________________________________________________

Über Katja Kupfer: Jahrgang 1968, Studium der Kunstgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt. Tätigkeiten unter anderem im Verlagswesen und in Design-Galerien. Ab 2003 freischaffende Journalistin, Redakteurin und Autorin. Veröffentlichungen u. a. in Frankfurter Rundschau, Journal Frankfurt, Welt kompakt, Handelsblatt, Financial Times. Seit 2007 Leiterin der Pressestelle der HfG Offenbach.

Der Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 7/2019 des JOURNAL FRANKFURT.
 
9. März 2020, 12.47 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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