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Gesellschaft
 

Gedenken an Hanau

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„Nichts ist mehr so, wie es einmal war“

Foto: Kai Pfaffenbach
Foto: Kai Pfaffenbach
Auf der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des rassistischen Attentats von Hanau hielten sich die Gäste aus der Politik deutlich zurück. Vor allem die Angehörigen sollten Raum haben, der neun Opfer zu gedenken. In Frankfurt erinnerte man mit einer Kundgebung an die Verstorbenen.
Am 19. Februar 2020 ermordete Tobias R. bei einem rassistischen Attentat in Hanau neun Menschen. Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović. Anschließend erschoss der Täter seine Mutter und sich selbst. Am ersten Jahrestag des Attentats wurde in einer Gedenkveranstaltung an die neun Opfer von Hanau erinnert.

Still und dunkel war es am Freitagabend im Hanauer Congress Park. Nur 50 Personen konnten aufgrund der Corona-Pandemie an der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats teilnehmen. Unter ihnen die Angehörigen der Opfer sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sowie der frühere Fußballer und Ehrenbürger der Stadt Hanau, Rudi Völler, der zu Beginn der Veranstaltung eine Kerze zum Gedenken an die neun Opfer anzündete. Hinter der Kerze: Neun beleuchtete Säulen – jede einzelne mit dem Bild und dem Namen eines der Opfer. Sie stachen heraus in dem dunklen Raum und stellten dar, was auch während der ganzen Veranstaltung deutlich wurde: Wie wichtig es ist, die Namen der Opfer zu nennen und damit nicht zu vergessen, dass es neun Menschen waren, die bei dem Attentat von Hanau ihr Leben verloren.

Opfer sollen nicht umsonst gestorben sein

Verlesen wurden die Namen von Volker Bouffier und Claus Kaminsky, die an diesem Abend keine Rede hielten, um den Angehörigen der Opfer möglichst viel Raum zu geben. Diese meldeten sich in Videobotschaften zu Wort, in denen sie nicht nur an ihre Kinder, Partner oder Geschwister erinnerten, die sie vor einem Jahr verloren haben; sondern auch eine lückenlose Aufklärung zu den Geschehnissen in der Tatnacht forderten. „Tagtäglich fragen wir uns, ob die Tat nicht hätte verhindert werden können. Wieso wurde uns verwehrt, uns würdevoll von unseren Kindern zu verabschieden?“, fragte Armin Kurtović, Vater des ermordeten Hamza Kurtović, der stellvertretend für alle Angehörigen auf der Gedenkveranstaltung sprach.

Immer wieder hatte es im vergangenen Jahr Kritik an der Arbeit der zuständigen Behörden gegeben. Die Angehörigen kritisierten vor allem den Umgang der Polizei mit den Hinterbliebenen. Auch dass die Behörden erst begonnen hätten, gegen den Vater von Tobias R. zu ermitteln, als die Angehörigen der Opfer Strafanzeige gestellt hätten, bemängeln sie. „Wir wissen, dass wir die Tat nicht ungeschehen machen können und uns nichts unsere Kinder zurückbringen wird. Jedoch darf sich so eine Tat nicht wiederholen. Wir dürfen und werden nicht zulassen, dass unsere Kinder umsonst gestorben sind“, so Kurtović. Seit dem Attentat stehe die Welt für die Angehörigen der Opfer still. „Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Tagtäglich sind wir gezwungen, zu lernen, mit dem Verlust unserer eigenen Kinder zu leben. Wir alle möchten heute daran erinnern, dass die Namen unserer Kinder und ihre besonderen Persönlichkeiten nicht vergessen werden dürfen“, sagte Kurtović.

Steinmeier ruft zu Zusammenhalt auf

Bundespräsident Steinmeier sagte am Freitag, es bedrücke ihn zutiefst, dass der Staat sein Versprechen von Sicherheit gegenüber der Opfer des Attentats nicht habe einhalten können. Die Morde von Hanau seien kein Zufall, sondern von gesteuertem Hass initiiert und ermutigt gewesen. Die perfide Botschaft des Täters verbreite Entsetzen und Angst – auch weil der Täter den Rassismus nicht nur aus sich selbst, sondern auch aus seinem Umfeld und den sozialen Medien geschöpft habe. Auch, wenn die Mehrheit der Menschen in Deutschland gegen Rassismus und Ausgrenzung sei, habe das bösartige Gift einer kleinen Minderheit durchaus Wirkung. Das hätten in der Vergangenheit nicht nur die Morde von Hanau gezeigt.

„Doch als Bundespräsident stehe ich hier und bitte uns: Lasst nicht zu, dass die böse Tat uns spaltet! Übersehen wir nicht die bösen Geister in unserer Mitte – nicht den Hass, die Ausgrenzung, die Gleichgültigkeit. Aber bitte lasst uns glauben an den besseren Geist unseres Landes, an die Kraft zum Miteinander, den Willen zum gemeinsamen Wir“, sagte Steinmeier in seiner Ansprache. Das Gemeinwesen zu schützen, sich für friedliches Zusammenleben einzusetzen und Ausgrenzung abzulehnen sei genauso Aufgabe des Staates wie die, jedes einzelnen Menschen. Dort, wo es im vergangenen Jahr Fehler oder Fehleinschätzungen gegeben habe, müsse daher aufgeklärt werden. „Nur in dem Maße, in dem diese Bringschuld abgetragen wird und Antworten auf offene Fragen gegeben werden, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen“, so Steinmeier.

Kundgebung und Schweigemarsch in Frankfurt

Bereits vor der Gedenkveranstaltung war es am Freitag in Hanau und vielen weiteren Städten in Deutschland den ganzen Tag über zu Demonstrationen, Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Attentats von Hanau gekommen. In Frankfurt nahmen rund 2600 Menschen an einer Kundgebung anlässlich des ersten Jahrestages der Tat teil. Vom Treffpunkt unterhalb der Friedensbrücke ging es weiter in die Kaiserstraße und Richtung Römer. Wie die Polizei mitteilte, seien mehr Teilnehmer:innen als erwartet zu der Kundgebung gekommen, Zwischenfälle habe es jedoch nicht gegeben.

Zusätzlich fand am Samstag ein Schweigemarsch gegen Diskriminierung und für Menschenrechte in Frankfurt statt. Dieser führte die Teilnehmenden von der Weseler Werft aus am Main entlang. Ursprünglich für 2500 Personen angemeldet, nahmen laut Polizei jedoch weniger Menschen am Marsch teil. Auch hier sei es zu keinen Zwischenfällen gekommen.
 
22. Februar 2021, 13.16 Uhr
Laura Oehl/Sina Eichhorn
 
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