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Gesellschaft
 

Ein Jahr nach Hanau

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„Ein Mord, der uns alle betrifft“

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Michael Probst
Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Michael Probst
Neun Menschen verloren am 19. Februar 2020 bei einem rassistischen Attentat in Hanau ihr Leben. Ein Jahr später haben die Angehörigen der Opfer gleich mehrere Kämpfe zu führen: gegen das Vergessen, gegen Rassismus – und für Antworten auf viele offene Fragen.
Es ist ein Abend, den viele Menschen nicht vergessen werden: Am 19. Februar 2020 erschießt Tobias R. in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen. Viele weitere Menschen werden teilweise schwer verletzt. Nur etwa fünf Minuten hielt sich R. an den beiden Tatorten am Hanauer Heumarkt und in Kesselstadt auf. Fünf Minuten, in denen sich das Leben vieler Menschen für immer veränderte. Fünf Minuten, in denen neun Menschen ihr Leben verlieren mussten. Kurz nach der Tat tötete Tobias R. seine Mutter und anschließend sich selbst.

Kaloyan Velkov
Fatih Saraçoğlu
Sedat Gürbüz
Vili Viorel Păun
Gökhan Gültekin
Mercedes Kierpacz
Ferhat Unvar
Said Nesar Hashemi
Hamza Kenan Kurtović


Ein Jahr nach dem Attentat stehen die Namen der neun Opfer wie ein Mahnmal für den Kampf gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Hass und Hetze. „Der Mord an den neun jungen Menschen in Hanau ist ein Mord, der uns alle betrifft und der uns alle angeht, weil Attentäter wie der von Hanau es auf uns alle abgesehen haben. Auf diesen Staat und auf die Art, wie wir leben, auf die offene Gesellschaft, auf die Demokratie und auf den Rechtsstaat“, sagte Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) während einer Gedenkstunde Anfang Februar im Hessischen Landtag. Das Attentat von Hanau sei „die Eskalation rassistisch und rechtsextremistisch motivierter Anschläge in Deutschland in jüngster Zeit“.

Als „Verbrechen, das in seiner Dimension außergewöhnlich ist“ bezeichnete Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) das Attentat schon am Tag danach. Ein Jahr später herrsche noch immer Entsetzen und Unverständnis darüber, wie diese furchtbare Tat geschehen konnte, so Bouffier am ersten Jahrestag der Tat. „Das schreckliche Verbrechen hat das normale Leben von heute auf morgen völlig unvermittelt aus den Fugen gehoben.“ In erster Linie gilt das wohl für die Überlebenden und die Angehörigen und Freunde der neun Opfer. Viele von ihnen kämpfen seit einem Jahr für Respekt und Akzeptanz, gegen das Vergessen und vor allem gegen Rassismus und Rechtsextremismus.

Offene Fragen, fehlende Informationen, behördlicher Rassismus

Dass das nicht der einzige Kampf ist, den sie führen müssen, sorgt auch ein Jahr nach der Tat bei vielen für Unverständnis. Noch immer sind viele Fragen offen: Warum war ein offenbar psychisch kranker Mensch im Besitz einer Schusswaffe? Wieso ist nicht aufgefallen, dass dieser Mensch seine rassistischen Ansichten im Internet teilte? Wie konnte es passieren, dass die Notrufe mehrerer Betroffener nicht bei der Polizei ankamen? Welche Schuld trifft den Vater von Tobias R.?

Auch der Umgang mit den Angehörigen sorgte im vergangenen Jahr immer wieder für Kritik. Schon kurz nach der Tat bemängelten die Eltern von Vili Viorel Păun, erschossen vor einem Wohnblock in seinem Auto, wie lange es gedauert habe, bis die Polizei sie über den Tod ihres Sohnes informierte. „Vili lag erschossen in seinem Mercedes, das Bild ging um die Welt, uns hat 16 Stunden keiner Bescheid gesagt“, sagten Niculescu und Iulia Păun gegenüber dem Spiegel. Armin Kurtović, Vater von Hamza Kenan Kurtović, kritisierte gegenüber dem Spiegel den behördlichen Rassismus, der ihm begegnet sei, als Beamt:innen seinen blonden, blauäugigen Sohn bei der Obduktion mit „orientalisch-südländischem Aussehen“ beschrieben hätten.

Viele Angehörige kritisieren zudem, bis heute nicht alle Informationen über den Tod ihrer Familienmitglieder und Freunde bekommen zu haben. „Wir wissen, dass gerade die Familien noch offene Fragen haben. Es ist uns eine Verpflichtung zu helfen, und diese Fragen – soweit es uns möglich ist – zu beantworten“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier.

Die Erinnerungen bleiben, die Fragen auch

Zum Jahrestag des Attentats sind die Angehörigen zu einer Gedenkveranstaltung im Hanauer Congress Park eingeladen. Neben Ministerpräsident Bouffier und dem Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) daran teilnehmen. Zur Erinnerung an die neun Opfer werden neun freistehende beleuchtete Namenssäulen auf der Bühne stehen. Zudem sollen ein Film zu den Ereignissen des 19. Februar sowie Videoansprachen der Opferfamilien gezeigt werden. Zum Ende der Gedenkfeier um 19.02 Uhr sollen alle Glocken in Hanau läuten.

Innenminister Peter Beuth (CDU), seit dem Attentat immer wieder massiv in der Kritik, hat für den Jahrestag für alle öffentlichen Gebäude und Dienststellen des Landes Hessen Trauerbeflaggung als „sichtbares Zeichen gegen das Vergessen“ angeordnet. Als Mahnung und zum Gedenken an die neun Opfer hat die Stadt Hanau ein digitales Denkmal eingerichtet. Viele Städte, Vereine und Initiativen in Hessen wollen mit Denkmälern und Gedenkveranstaltungen dafür sorgen, dass die Erinnerungen an die neun Opfer auch ein Jahr nach ihrem Tod und in Zukunft bewahrt werden. Der Schmerz, die Wut und die vielen offenen Fragen werden vor allem die Angehörigen der Opfer wohl aber noch ebenso lang beschäftigen.
 
19. Februar 2021, 11.00 Uhr
Laura Oehl
 
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