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Die Hausbesetzer vom Bahnhofsviertel
 

Die Hausbesetzer vom Bahnhofsviertel

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Wohnen im Milieu

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Schon vor 25 Jahren kämpfte Michael Berg für ein Bahnhofsviertel, das mehr als Prostitution zu bieten hat. Seine Geschichten werfen ein Schlaglicht auf die Hausbesetzerszene im Kiez. Ein Porträt.
Über zehn Jahre engagierte sich Michael Berg für den Erhalt von Wohnungen im Bahnhofsviertel. Zwischen 1989 und 1999 schrieb er als Mitglied des „Arbeitskreis Bahnhofsviertel“ zahllose Briefe an Politiker, er führte Gespräche mit Bordellbesitzern und Anwohnern, organisierte Stadtteilfeste ebenso wie Demonstrationen und ja, einmal besetzte er auch ein Haus. „Wir waren ein paar junge Leute, die vom damaligen Pfarrer der Weißfrauenkirche angefragt worden waren“, sagt Michael Berg. „Wir wollten das Bahnhofsviertel menschenfreundlicher gestalten.“ Laut Berg war das Viertel Ende der 80er-Jahre kein angenehmer Ort zum Leben: „Zum Wohnen war das eigentlich keine Adresse. Die Bevölkerung bestand aus einigen Resten der Original-Anwohner, die teilweise schon seit der Zeit vor dem Krieg im Bahnhofsviertel lebten, und aus einigen mutigen jungen Menschen, denen der schlechte Ruf nichts ausmachte.“

Auch damals schon zeichnete sich das Viertel durch seine international buntgemischten Bewohner und seine Heterogenität aus, allerdings auch durch zu wenig beziehungsweise durch schlecht genutzten Wohnraum. „Zu der Zeit wurden viele Wohnungen illegal genutzt. Das heißt in eigentlichem Wohnraum hatten sich unerlaubt Gewerbe niedergelassen“, sagt Berg. Vonseiten der Stadt Frankfurt gab es keinen politischen Willen, daran etwas zu ändern, mit dem Bahnhofsviertel musste man sich nicht beschäftigen.Der junge, engagierte Arbeitskreis sah sich gezwungen, zu handeln. „Wir dachten uns, jetzt machen wir mal was. Und dann ist uns das Lido ins Auge gestochen“, sagt Michael Berg. „Das sah vor 23 Jahren schon genauso aus wie heute. Dann haben wir ein wenig überlegt, uns besprochen und eines Morgens eine kleine Leiter geschultert und sind dorthin.“ Durch ein kaputtes Fenster im ersten Stock stiegen sie in das Haus ein, doch was so spielerisch klingt, entwickelte sich recht schnell zu einer brenzligen Situation. „Es dauerte nicht sehr lange, da fing es unten an zu rumpeln. Da kamen Leute, und zwar das Rollkommando des Besitzers. Das waren so richtig furchterregende Figuren, so ähnlich wie diese Hells Angels“, sagt Berg. „Die kamen da also mit ihren Baseballschlägern ins Haus und uns kleinen, lächerlichen Zivilisten rutschte gleich das Herz in die Hose.“ Ganze drei Stunden dauerte die Aktion, dann kam die Polizei und „rettete“ die Besetzer aus dem Haus.

Zwar verlief die Besetzung nicht ganz wie gedacht, etwas Eindruck konnte die Bürgerinitiative bei der Stadt dennoch hinterlassen. „Die Stadt hat etwas später drei Häuser gekauft, Gutleut- Ecke Mainluststraße, sozusagen mit schlechtem Gewissen, um etwas für die Bürger im Bahnhofsviertel zu tun. Und dann haben sie Schritt für Schritt diese Häuser renoviert und als relativ günstigen Wohnraum vermietet“, sagt Michael Berg, der selbst bis heute in einer dieser Wohnungen lebt. Die eigentlichen politischen Pläne sahen jedoch vor allem vor, das Bahnhofsviertel zu säubern. Schon Walter Wallmann (CDU), der von 1977 bis 1986 Oberbürgermeister war, befürchtete einen Imageschaden für Frankfurt, wenn Reisende, die am Hauptbahnhof ankamen, erstmal durch diese schmuddelige Gegend laufen mussten. Besonders das Rotlichtviertel war den Politikern ein Dorn im Auge. „Die Stadtverwaltung bot den Bordellbesitzern als Alternative an, irgendwo in der Nähe des Osthafens, kurz vor Offenbach, ihre Geschäfte weiter zu betreiben“, sagt Berg. „Da haben die sich aber schwer verrechnet, denn die Oberzuhälter, die diese ganz großen Puffs besaßen, die wollten nicht. Da wäre ja keiner mehr hingekommen.“ Die Stadt konnte sich nicht durchsetzen und brauchte eine alternative Lösung: „Der Kompromiss von 1992, der heute immer noch gilt, war der, dass die Toleranzzone des Rotlichtbezirks verkleinert wurde. Der Rest des Bahnhofsviertels wurde stückweise aufgemöbelt.“

Michael Berg sammelte zahlreiche Zeitungsartikel und andere Unterlagen, die das Bahnhofsviertel betreffen, und bewahrt sie seither sorgfältig in einem Ordner auf. Das Blättern durch die vergilbten Seiten mit der ausgeblichenen Druckerschwärze ist eine Reise in die Vergangenheit. Sie zeichnet das Bild von einem Stadtteil, in dem das Milieu scheinbar die Vorherrschaft hatte und in dem einfache Mieter um ihren Wohnraum kämpfen mussten. Doch es gab auch das Bahnhofsviertel, in dem eine hohe Solidarität unter den Anwohnern herrschte und Internationalität nicht bloß frommer Wunsch war, sondern wirklich gelebt wurde.

Das jährlich vom Arbeitskreis organisierte Stadtteilfest ist ein Beispiel dafür: Ob griechische Tanzgruppen, kurdische Folklore oder italienische Speisen, das Programm bezog stets Jeden mit ein. Dieser Grundgedanke hat sich bis heute gehalten und macht das Bahnhofsviertel zu einem urbanen Lebensraum und die alljährliche Bahnhofsviertelnacht zu einem Ereignis, das Menschen zusammenbringt und beweist, dass der Stadtteil nicht bloß ein verrufenes Milieu ist.


Eine Version dieses Artikels erschien zuerst in der Print-Ausgabe des Journal Frankfurt vom 29. Juli 2014. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.
 
20. August 2014, 10.27 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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