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Gesellschaft
 

Corona: Ruanda

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„Entwicklungszusammenarbeit endet nicht an der Bürotür“

Foto: Denis Rüggeberg
Foto: Denis Rüggeberg
Ruanda galt lange als eines der ärmsten Länder Afrikas, heute verzeichnet es ein enormes Wirtschaftswachstum – und zeigt sich vorbildlich im Umgang mit der Corona-Krise. Denis Rüggeberg arbeitet in Ruanda im Mikrofinanzsektor der Sparkassenstiftung. Er weiß um die Stärken des Landes.
Das „Pays des Mille Collines“, wie Ruanda auch bezeichnet wird, zeichnet sich, wie es der Name bereits vermuten lässt, durch seine hügelige, grüne Landschaft aus. Die ehemalige deutsche Kolonie im Osten Afrikas grenzt an Uganda, Tansania, die Demokratische Republik Kongo und Burundi; die vielen Berge sind dicht bewaldet, an den Hängen der Vulkane im Norden des Landes können Tourist*innen mit etwas Glück Berggorillas sichten. International bekannt ist Ruanda, das seine Unabhängigkeit erst 1962 erhielt, vor allem für die langjährigen Konflikte zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi, die bei dem Genozid von 1994 fast eine Million Menschen das Leben kosteten.

Lange Zeit galt Ruanda als eines der ärmsten Länder Afrikas, seit den frühen Nuller-Jahren und dem Beginn der Präsidentschaft Paul Kagames verzeichnet das Land jedoch ein enormes Wirtschaftswachstum. 2019 betrug das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in Ruanda rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zudem erfährt Ruanda weltweit Anerkennung für seine Bemühungen in Sachen Gleichberechtigung: knapp 60 Prozent des Parlaments sind weiblich besetzt, insgesamt belegt Ruanda weltweit Platz 9 des Global Gender Gap Report. Zum Vergleich: Deutschland folgt auf Platz 10, die USA weit abgeschlagen auf Platz 53 des Rankings, das jährlich vom Weltwirtschaftsforum erstellt wird. Und auch in einem weiteren Punkt nimmt das Land aktuell in Afrika eine Vorbildfunktion ein: im Umgang mit der Corona-Krise. Während in den meisten afrikanischen Staaten Covid-19 zunächst relativiert wurde, ergriff Ruanda bereits vor Bekanntwerden des ersten Infektionsfalls Schutzmaßnahmen.

Denis Rüggeberg hat den Ausbruch der Pandemie in der Hauptstadt Kigali miterlebt. Der 30-Jährige lebt seit knapp eineinhalb Jahren in Ruanda und ist dort für die Sparkassenstiftung für internationale Kooperation e.V. im Mikrofinanzsektor tätig. Die Entwicklung des Landes erlebt er als positiv, nicht zuletzt aufgrund der Bemühungen der Regierung, einen „nachhaltigen Weg“ zu gehen, der beinhalte, so Rüggeberg, auch einen verantwortungsvollen Umgang mit Entwicklungsgeldern: „Ruanda hat die ‚Vision 2050‘ in seine nationalen Entwicklungsziele integriert. Dazu gehören unter anderem die Förderung des Tourismus, der Ausbau der Infrastruktur und der Umweltschutz.“ Letzterer spiele eine besonders wichtige Rolle, sagt Rüggeberg. So hat Ruanda beispielsweise als eines der ersten Länder Plastiktüten verboten. Außerdem gelten in Kigali an einem Sonntag im Monat, dem „Car-free Sunday“, Fahrverbote, der öffentliche Nahverkehr wird kontinuierlich ausgebaut.

Finanzielle Bildung

Die Sparkassenstiftung ist die entwicklungspolitische Einrichtung der Sparkassen Finanzgruppe, sie hat seit 1992 über 200 Projekte in 90 Ländern durchgeführt. Ziel ist die Förderung finanzieller Inklusion und die Stärkung des Mikrofinanzsektors in Entwicklungs- und Schwellenländern. In Ruanda ist die Sparkassenstiftung seit 2009 tätig. „Finanzielle Inklusion“, erklärt Rüggeberg, „wird als effektiver Weg aus der Armut gesehen. Letztendlich geht es darum, Menschen – auch in armen oder ländlichen Regionen von Entwicklungsländern – Zugang zu Finanzdienstleistungen zu ermöglichen. Das heißt, Zugang zu Spar- und Girokonten, aber auch Kleinkrediten.“ Dabei gehe es nicht um große Kreditvolumen; bereits Beträge um die 100 Euro seien gerade für Kleinunternehmen wichtig und werden in den verschiedensten Bereichen, sei es in der Landwirtschaft oder dem Handwerk, eingesetzt.

Zwar wurde an dem von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus entwickelten Instrument Mikrofinanzkredit in den vergangenen Jahren immer wieder Kritik laut – gesellschaftlich verursachte Not werde privatisiert und die ohnehin armen Kreditnehmer*innen gerieten schnell in eine Schuldenfalle, lauten zwei häufige Vorwürfe – für Denis Rüggeberg überwiegen jedoch klar die Vorteile. Zumindest, wenn den Kreditnehmer*innen, wie von der Sparkassenstiftung forciert, auch finanzielle Bildung mitgegeben wird: „Der Vorteil des Mikrofinanzkredits ist, dass es eben keine reine Entwicklungshilfe ist, sondern ein marktwirtschaftliches Bankinstrument, das den Menschen eine gewisse Verantwortung überträgt. Die finanzielle Bildung mit verschiedenen Maßnahmen zu stärken gehört daher ebenso zur Entwicklungsarbeit.“




Denis Rüggeberg mit der Dorfältesten Bellancile Barakagwira und mit Wachmann Damascene Mugabarigira.

Corona bedeutet harte Einschnitte

„Ruanda hat schwere Jahre hinter sich, heute ist das Land stabiler“, so Denis Rüggeberg. Das habe sich auch in der Bewältigung der Corona-Krise gezeigt. „Die Pandemie wurde hier sehr früh ernst genommen“, erinnert sich Rüggeberg. „Unmittelbar nach den ersten Infektionen wurden Geschäfte geschlossen und Ausgangssperren verhängt, außerdem wird sehr viel getestet.“ Die Regierung setzt viel daran, die Infektionsrate möglichst niedrig zu halten. Die medizinische Basisversorgung sei zwar sehr gut, stellt Rüggeberg fest, schwierig werde es jedoch bei einer erforderlichen intensivmedizinischen Behandlung. Aktuell gibt es 308 bestätigte Infektionsfälle (Stand 20.5.2020), 209 Genesene und keine Todesfälle.

Die Bevölkerung scheint die Situation ausgesprochen ernst zu nehmen. „Die Menschen in diesem Land sind historisch großes Leid gewöhnt. Die Einschnitte für die Bevölkerung sind hart, insbesondere, da viele Menschen auf ein tägliches Einkommen angewiesen sind, das aktuell wegfällt“, so Rüggeberg. „Umso beeindruckender ist die große Kreativität, mit der viele auf die Krise reagieren. In den vergangenen Wochen hat sich beispielsweise der E-Commerce stark entwickelt.“ Auch die Solidarität untereinander sei groß, die Menschen wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können – und auch müssen, denn trotz beschlossener Nothilfepakete haben immer mehr Menschen Schwierigkeiten, die Ernährung ihrer Familien zu gewährleisten. Private Initiativen sind daher unerlässlich, stoßen aber zusehends an ihre Grenzen.

„Die Einschnitte in mein Leben sind überschaubar, aber bei den Menschen, die auf ein tägliches Einkommen angewiesen sind, ist die Not groß“, weiß auch Denis Rüggeberg. Gemeinsam mit seiner Freundin hat er daher bereits Mitte April eine Fundraising-Kampagne initiiert, um in seinem Village, einem kleinen Verwaltungsbezirk, zu helfen. „Wir möchten dabei unterstützen, Lebensmittel zu sammeln und entsprechend zu verteilen.“ Bereits fünf Euro reichen, um eine Familie eine Woche zu ernähren; innerhalb weniger Tage ist es Rüggeberg gelungen, genug Geld zu sammeln, um 200 Kilogramm Reis, 40 Kilogramm Bohnen und 20 Kilogramm Mehl zu kaufen. „Damit können wir zwei oder sogar drei Wochen überbrücken.“ Die Verteilung an die notleidenden Familien vor Ort wird fair und transparent von den Dorfältesten übernommen. „Für mich endet Entwicklungszusammenarbeit nicht an der Bürotür¡, sagt Denis Rüggeberg. Diese unmittelbare und direkte Hilfe sei ein wichtiger Bestandteil des Lebens in Ruanda. Und die große Solidarität unter den Menschen ein Grund, weshalb sich das einst gebeutelte Land so im Aufschwung befindet.
 
20. Mai 2020, 11.05 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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