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Foto: Jüdisches Museum Frankfurt
Foto: Jüdisches Museum Frankfurt

Anne-Frank-Tag

Mirjam Wenzel: „Es geht nicht um Symbolpolitik“

Der Anne-Frank-Tag setzt alljährlich ein Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. Auch das Jüdische Museum plant einige Veranstaltungen. Direktorin Mirjam Wenzel über steigenden Antisemitismus, familiäre Narrative und das Besondere an der Familie Frank.
JOURNAL FRANKFURT: Frau Wenzel, das Ziel des Anne-Frank-Tages ist es, ein Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung zu setzen. Mit den Reaktionen auf den Israel-Konflikt, rechtem Gedankengut in der Polizei oder Menschen, die die Corona-Maßnahmen mit der Situation von Anne Frank vergleichen, ist dieses Thema derzeit wieder sehr präsent. Braucht es diesen Tag aktuell ganz besonders?
Mirjam Wenzel: Das könnte man meinen. Ich bin grundsätzlich der Ansicht, dass es im Moment nicht um Symbolpolitik geht. Wir haben einen deutlich ansteigenden Antisemitismus und das schon seit geraumer Zeit. Das zeigt sich an den Schulen, in tätlicher und verbaler Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, im Internet. Die Pandemie hat Tendenzen, die schon vorher da waren, verschärft – den Geschichtsrevisionismus, das Aggressionspotenzial, diskriminierende bis gewaltförmige Haltungen gegenüber Personen, die als anders wahrgenommen werden. Das ist in den letzten Wochen und Monaten sehr deutlich geworden. Wir sind jetzt in einer anderen Zeit. Wir beginnen so etwas wie die neue Normalität nach Corona. Es wird jetzt stärkere Verteilungskämpfe geben um geringere Ressourcen und das ist eine konfliktäre Situation, in der sich genau solche Spannungen und gewaltförmigen Haltungen verstärkt äußern. So ein Tag kann nochmal Anstrengungen unternehmen, um solche Entwicklungen zu thematisieren, oder beispielsweise Initiativen in der Kinder- und Jugendarbeit zu bündeln. Aber es muss um langfristige Strategien gehen. Man darf sich nicht damit beruhigen, dass man jetzt einen Anne-Frank-Tag veranstaltet hat.

Welche konkreten Strategien braucht es denn?
Es braucht konzertierte Anstrengungen, wie mit Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie im Internet umgegangen wird. Das müssen juristische Anstrengungen sein, da müssen ganz andere Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden, damit solche Handlungen geahndet werden. Dann braucht es Schulungen insbesondere der Justiz, denn dort wird Antisemitismus nicht erkannt. Es braucht Schulungen der Polizei, wann etwas eine antisemitische oder rassistische Handlung ist. Da braucht es auch Überprüfungen, wie jetzt der Fall von Frankfurt gezeigt hat. Und es braucht ein groß angelegtes Schulungsprogramm an Schulen. Die Lehrer:innen sind überfordert, mit dem umzugehen, was sich in den Pausen und in ihren Klassen abspielt. Sie haben keinerlei Ausbildung in Diversitätssensibilität oder in Konfrontation mit Diskriminierungen. Da ist dringender Nachholbedarf.

An solchen Gedenktagen hört man häufig auch Aussagen wie „Warum brauchen wir so einen Tag? Warum sollen wir uns heute noch schuldig fühlen?“ Warum ist es auch heute noch so wichtig, an Personen wie Anne Frank und ihre Schicksale zu erinnern?
Zunächst mal ist diese Frage, „Warum erinnern?“ eine berechtigte Frage. Darauf muss es eine Antwort geben. Zum einen wäre das die politische Antwort, dass die Bundesrepublik Deutschland aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit eine besondere Verantwortung hat, dass der Umgang mit dieser Vergangenheit Erinnerungsarbeit bedeutet. Das andere ist – und das halte ich für die viel größere Herausforderung - dass es persönlicher, familiärer Erinnerungsnarrative bedarf, damit Erinnerung eine Bedeutung hat. Wir sehen seit geraumer Zeit, dass sich im privaten Bereich Mythen verfestigen. Mythen wie, die eigenen Großeltern, Urgroßeltern oder Eltern wären Widerstandskämpfer, Helfer, hätten Juden versteckt oder wären selbst Opfer des NS-Regimes gewesen. Da verschiebt sich etwas. Und diese familiären Narrative sind das Entscheidende dafür, dass etwas auf Dauer von Bedeutung ist. Dort anzusetzen, halte ich für die größte Bildungsaufgabe.

Der Schwerpunkt des diesjährigen Anne-Frank-Tages liegt ja auch auf dem Thema „Familie“. Was empfehlen Sie Menschen, die feststellen, dass antisemitische oder diskriminierende Narrative in der eigenen Familie auftreten? Häufig ist es ja gerade in diesem Rahmen nicht so leicht, das anzusprechen.
Da kann ich nur ermutigen: konfrontieren und sich einfach bewusst machen, dass der Nationalsozialismus ein systematischer Bereicherungszusammenhang war, eine Volksgemeinschaftsideologie. Und das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass das Narrativ, dass das Silber, was den Großeltern angeblich von den Nachbarn geschenkt wurde, weil sie so ein gutes Verhältnis zu den jüdischen Nachbarn hatten, die dann auf einmal weg waren, nicht stimmt. Da kann ich nur dazu ermutigen, selbst zu fragen und selbst zu recherchieren. In den Archiven findet man diese Geschichten eigentlich raus.

Am Sonntag soll es auch speziell um die Familie Frank gehen, die in Frankfurt eine lange Tradition hat. Was zeichnete diese Familie für Sie aus?
Die Familie Frank war eine sehr liberale, kultivierte, bürgerliche jüdische Familie mit einer ganz besonderen Hinwendung zu den Kindern. Sie haben einen sehr bildungsorientierten und, wie ich finde, auch warmherzigen Umgang mit ihren Kindern gepflegt. Das sieht man daran, dass die Kinder angehalten wurden, zu spielen, Instrumente zu lernen, in verschiedenen Sprachen mit ihren Verwandten in Paris und London zu kommunizieren. Man sieht es aber auch an den Aufzeichnungen und Dokumentationen, die die Großmutter von Anne Frank über das Heranwachsen angefertigt und für die Kinder hinterlassen hat. Und ich denke, dass diese Art der Hinwendung, die auch bestimmte Freiheiten umfasste, schon eine Rolle im Heranwachsen spielte – es ist kein Zufall, dass in dieser Familie relativ viele künstlerische Berufe ausgeübt wurden.

Was kann man heute noch von dieser Familie lernen?
Ich denke, das ist eben diese Art von Hinwendung – Sie können es auch Liebe nennen – die in der Familie sehr präsent war. Das ist auch heute ein hohes Gut in familiären Zusammenhängen. Gerade auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie: viele Kinder waren jetzt auf elterliche Fürsorge, Zuwendung, Liebe, Kümmern angewiesen, weil der schulische Zusammenhang und der Freundeskreis wegfiel. Diese Art des Begleitens von Heranwachsen ist ein hohes Gut.

>> Zum Anne-Frank-Tag, 13. Juni 2021, initiiert von der Bildungsstätte Anne Frank, haben sich eine Vielzahl an Initiativen in Frankfurt zusammengetan. Das gemeinsame Programm finden Sie hier. Einen Überblick über die Veranstaltungen im Jüdischen Museum und dem Familie Frank Zentrum gibt es auf der Webseite des Museums.
 
11. Juni 2021, 12.30 Uhr
Laura Oehl
 
Laura Oehl
Jahrgang 1994, Studium der Musikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, Journalismus-Master an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, seit Dezember 2020 beim JOURNAL FRANKFURT. – Mehr von Laura Oehl >>
 
 
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