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Bahnhofsviertelmagazin
 

Joy Denalane im Interview

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"Musik kann der Soundtrack für Veränderung sein"

Foto: Alex Kraus
Foto: Alex Kraus
Am Samstag gibt die Sängerin Joy Denalane ein Konzert im Gibson – danach geht es noch auf einen Drink ins Oye, wo ihr Coverfoto aus dem Bahnhofsviertelmagazin ausgestellt ist. Ein Gespräch über Kieze, starke Frauen und ihr Album Gleisdreieck.
Journal Frankfurt: Auf Deinem Album Gleisdreieck geht es nicht selten um die Rollen, die wir im Leben einnehmen. Wann war für dich erstmals Deine Rolle als Frau, wie auch immer die jetzt aussehen mag, spürbar?
Dieses Thema "Frau sein" spielt bei mir über Bande - und kam recht früh in mein Leben hinein. Erstmal bin ich in einer Familie mit zwei großen Brüdern aufgewachsen - wir sind ja sechs Kinder und meine Eltern waren beide voll berufstätig. Meine Brüder und ich verbrachten also viel Zeit zusammen. Die Welt der Jungs und Männer war mir also rasch vertraut. Da fand und finde ich mich ganz gut zurecht.

Welche Rolle spielte da Deine Mutter?
Eine starke, richtungsweisende Person, die mich, denke ich, sehr stark geprägt hat. Sie hat mir immer gesagt, ich müsse mein Leben so aufbauen, dass ich aus ihm Glück ziehen kann. Mach alles genau so, wie es für dich selbst richtig und wichtig ist. Das ist aufgegangen.

Sie hat dir das Gefühl gegeben, alles ist möglich?
Ja, und zwar egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Der Horizont war sehr weit. Wir leben in einer Gesellschaft, die ein gewisses Rollenbild vorgibt. Das fängt schon in Kindesbeinen an, wenn einem beigebracht wird, wie man sich als Mädchen zu verhalten hat – nicht so forsch, kleinere Schritte beim Laufen, feminin und körperbetont kleiden. Alles, was weibliche Attribute unterstreicht. An mir ging das ein bisschen vorbei, es nahm nicht so viel Platz ein.

War das eine gute Vorbereitung aufs Leben?
Ja. Auch durch meine Brüder habe ich viel gelernt, zum Beispiel, dass es nichts bringt, sich sittsam hinzusetzen, wenn man etwas durchsetzen will. Man muss das Wort ergreifen.

Was haben Deine Eltern dazu gesagt, dass du Musikerin werden willst?
Mein Vater war erstmal nicht so begeistert. Er war eher ausgerichtet, auf ein ordentliches Studium wie Jura oder Medizin. Meine Mutter hat schnell verstanden, dass es das nicht für mich ist. Sie hat gesagt: Das ist es, was du machen musst. Ziemlich unkonventionell, ich bin ja die einzige, die Musik macht in unserer Familie. Keiner wusste, wie das ausgeht. Da braucht man jemanden wie meine Mutter, die sagt, das wird schon etwas werden.

Die Kultur gilt als recht durchlässig für Frauen. Hast du dennoch Widerstände gespürt?
Es war sicherlich leichter, aber auch dort haben es Frauen schwieriger. Wenn man sich mal den deutschen Musikmarkt anschaut, dann sag mir doch, wer die erfolgreichen Frauen sind? Aktuelles Beispiel: Kürzlich wurde die Eins-Live-Krone verliehen und die Kategorie für Frauen gestrichen – weil es nicht genügend gab, die da hätten nominiert werden können, so hieß es. Das sagt viel aus. Ich kann mich in meinem Feld aber beruflich relativ frei bewegen und mich als Künstlerin verwirklichen. Anders als Angestellte, die 20 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Das ist ein Skandal.

Es scheint sich da in den letzten zehn Jahren wenig getan zu haben ...
Ja, ich hoffe, dass sich das Patriarchat langsam mal lockert. Es sind natürlich komplexe und auch oft über Jahrhunderte gefestigte Strukturen.

Kann deine Musik da etwas verändern?
Veränderung ist zuviel. Ganz allgemein gesprochen, kann Musik der Soundtrack für Veränderung sein, ob sie der Auslöser ist, wage ich mal zu bezweifeln. Sie kann aber Zusammengehörigkeit vermitteln – was natürlich für jedwede Richtung gilt. Für mich persönlich hat die Politik schon immer einen Teil meines künstlerischen Sujets beeinflusst. Durch mein Aussehen und meinen Weg war ich schon konfrontiert mit Ablehnung oder sagen wir mal anders: der Verunsicherung anderer Menschen. Zugehörigkeit war nicht immer selbstverständlich.

Was bedeutet für dich Heimat?
Ein Ort, der vertraut ist und an den man sich zurückziehen kann – im besten Fall mit Leuten, die man sehr gerne hat. Für mich ist meine Heimat Zuhause, wo ich wohne. Europa, Deutschland, Berlin.

Zuhause heißt auch ein Track deines Albums, der deiner Mutter gewidmet ist.
Es geht darin, um die Suche nach Zugehörigkeit. Ich gehöre hierher, ich komme aus Deutschland, aber dennoch – gerade in jüngster Zeit – habe ich wieder mehr das Gefühl, dass Menschen wie mir das abgesprochen wird. Das macht mir Angst. Ich versuche mich ja zu engagieren, etwa bei Terres des femmes und anderen Organisationen, aber wenn ich dann wieder vom Wiedererstarken der Rechten lese, ist es zum Verzweifeln.

Das ist vielleicht nur eine lautstarke Minderheit…
Weiß ich nicht. Es gibt natürlich Orte wie an meinem Zuhause in Berlin oder auch hier im Bahnhofsviertel, wo alles so bunt und vielfältig ist, dass man das nicht spürt, aber fahr mal ein paar Kilometer rauf aufs Land, da sieht es gleich schon wieder ganz anders aus. Diese Leute organisieren sich über das Internet auch viel besser als früher. Vielleicht müssen auch wir uns alle noch mehr vernetzen, um Kraft zu entwickeln.

Das Interview erschien zuerst im Bahnhofsviertel-Magazin #04, das dem aktuellen Journal Frankfurt beiliegt. Im Anschluss ans ausverkaufte Konzert morgen Abend im Gibson geht es deswegen auch auf einen Drink im Oye weiter, jenem Club in der Taunusstraße, in dem das Coverfoto in den kommenden Wochen noch ausgestellt sein wird.
21. April 2017
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, seit 2004 beim Journal Frankfurt, seit 2010 Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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